„Mittlerweile bestehen zwei Drittel meiner Identität aus purem Leid“

Ein Essay von Leon Lerman

Es ist 10 Uhr morgens. Ich wache auf, bin ziemlich müde. Als erstes schaue ich auf mein Handy. Nachrichten fluten mein Display. Ein Freund schickt mir einen Link zu einer Spiegel-Eilmeldung. Raketen fliegen auf das Land meiner Familie, Kämpfer fallen in Grenzstädte ein. Die Angst, der Schmerz, die Wut, die Trauer, die Fassungslosigkeit. Es fühlt sich alles wie ein Déjà-vu an. Wie etwas, das schonmal passiert ist, wie ein Film, der sich vor meinen Augen abspielt. 

Ich wünschte, es wäre nur ein Film, eine fiktionale Geschichte, dann wäre es nicht real. Etwas, das ich abschalten, ausblenden könnte. Etwas, bei dem ich den Computer ausmachen oder den Kinosaal verlassen könnte, wenn es mir nicht gefällt. Wenn es nur ein Alptraum wäre, könnte ich einfach die Augen öffnen und es wäre vorbei. Doch was an diesem Morgen passiert, kann ich nicht einfach ausblenden oder ignorieren. In einem Land, das Teil meiner Identität und Herkunft ist, herrscht Krieg, schon wieder.

Ich rufe meine Familie an, frage sie, ob es ihnen gut geht. Ob sie mehr wissen. Wir telefonieren, versuchen zu verstehen, was da gerade passiert. Eine Verständnislosigkeit, die Fassungslosigkeit verbindet uns.

Fast genauso wie Anfang 2022 werde ich aus meiner Spur geworfen.

Es ist nicht der 24. Februar 2022 in der Ukraine, sondern der 7. Oktober 2023 in Israel. Ich bin ein Kind ukrainisch-jüdischer Kontingentgeflüchteter, das die ersten zehn Jahre seines Lebens die israelische Staatsbürgerschaft besaß und dessen größter Teil der Familie in Israel lebt. Mittlerweile bestehen zwei Drittel meiner Identität aus purem Leid.

Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine wird für mich niemals zur Normalität gehören – und doch hat sich nach mehr als anderthalb Jahren Krieg eine gewisse Alltäglichkeit eingestellt. Wahrscheinlich als Abwehrmechanismus, damit ich mich nicht mehr jeden Tag mit dieser Realität konfrontieren muss. Diese Fassade bröckelt jetzt, nein, sie fällt. Fast genauso wie Anfang 2022 werde ich aus meiner Spur geworfen.

Die radikal-palästinensische Terrororganisation Hamas startete am 7. Oktober vom palästinensischen Gazastreifen aus die „Al-Aksa-Flut“. Sie begann am Morgen mit Raketenbeschuss auf israelische Städte und gezielten Anschlägen auf israelische Zivilisten im Grenzgebiet. Seit Beginn des Angriffs sind im größten Pogrom gegen Juden und Jüdinnen seit der Shoah 1.300 Menschen gestorben, weitere Tausende Menschen sind verletzt und mehr als 100 Menschen wurden von der Hamas als Geiseln verschleppt (Stand 13.10.2023).

Unter diesen Menschen befinden sich nicht nur Israelis, auch internationale Zivilisten befinden sich unter den Opfern des Terrorangriffs. Nach israelischen Gegenangriffen werden auf palästinensischer Seite über 1.500 Tote und weitere Tausende Verletzte gemeldet. 50 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 hat der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erneut den Kriegszustand ausgerufen.

Eigentlich plane ich, mein kommendes Sommersemester in Israel zu verbringen. Jetzt bitten mich meine Verwandten unter Tränen, nicht nach Israel zu gehen.

Auf einem Musikfestival in Re’em in der Nähe des Gazastreifens wurden allein über 200 Menschen an einem einzigen Tag ermordet. Hunderte junge Menschen, unter denen Freunde oder Bekannte von mir hätten sein können. Eigentlich plane ich, mein kommendes Sommersemester in Israel zu verbringen. Jetzt bitten mich meine Verwandten unter Tränen, nicht nach Israel zu gehen.

In ganz Israel herrscht ein Ausnahmezustand, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Menschen versuchen herauszufinden, was mit ihren Angehörigen und Freunden passiert ist, ob sie verschleppt wurden oder überhaupt noch am Leben sind.

Tausende Kilometer entfernt sitze ich im sicheren Deutschland und stelle mir dieselben Fragen, auch wenn ich weiß, dass es zumindest meiner Familie gut geht. Gleichzeitig bitten sie mich darum, auf mich aufzupassen. Auf mich, der eigentlich in Sicherheit aufwachsen sollte und es mal besser haben sollte als seine Eltern. Als ich ein Kind war, hat mir meine Mutter eingebläut, dass ich ja nicht erzählen soll, dass ich Jude bin. Ich habe das nie verstanden, lebte ich doch in einer Welt ohne diese Art von Hass, wie er meinen Eltern in der Sowjetunion begegnete.

Jetzt sehe ich, wie Antisemitismus auf der ganzen Welt wieder aufflammt, wie es Menschen gibt, die diese Terroranschläge als „Befreiungskampf“ relativieren. Israelis werden als „Kolonialisten“ oder Vertreter der „White Supremacy“ bezeichnet. Damit legitimeren diese Menschen den Terror der Hamas und machen Israelis und Jüdinnen und Juden für diese Katastrophe selbst verantwortlich.

Wie in vielen anderen Situationen ist Schwarz-Weiß-Denken hier nicht förderlich. Den einzigen, denen eine solche Einteilung hilft, sind Extremisten.

Für den heutigen Freitag, den 13. Oktober, hat die Hamas zu weiteren Terrorangriffen auf Israel aufgerufen. Es ist wahrscheinlich, dass es auch in anderen Teilen der Welt zu Übergriffen kommt. Ich frage mich, ob ich mich angesichts des wachsenden Antisemitismus selbst hier in Deutschland, dem Land des „Nie wieder!“, oder irgendwo sonst noch sicher fühlen kann.

Bei alledem ist es nicht antisemitisch, die israelische, rechtsextremistische Regierung oder ihre Politik zu kritisieren. Es ist sehr wichtig, auf die Einhaltung internationaler Menschenrechte und des Völkerrechts hinzuweisen. Außerdem ist es auch vollkommen richtig und angemessen, auf die fürchterlichen Lebensumstände der Zivilbevölkerung im Gazastreifen zu zeigen und die völkerrechtswidrige Besatzung der palästinensischen Gebiete und den Siedlungsbau durch Israel zu verurteilen.

Den Nahostkonflikt gibt es seit über 70 Jahren und er ist keinesfalls nur in eine „gute“ und die „schlechte“ Seite aufzuteilen. Wie in vielen anderen Situationen ist Schwarz-Weiß-Denken hier nicht förderlich. Den einzigen, denen eine solche Einteilung hilft, sind Extremisten.

Ich bin mir sicher, dass dieser Krieg bald zu Ende geht. Trotzdem wird der 7. Oktober genauso wie der 24. Februar tiefe Spuren hinterlassen.

Beitragsbild: Faheem Ahamad/Pexels

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