Klimaneutral bis 2030?

Ist der Klimaschutzplan der Universität noch realistisch?

Von Sebastian Brosowski

Im Jahr 2021 veröffentlichte die Georg-August-Universität Göttingen zusammen mit der Universitätsmedizin (UMG) ein Klimaschutzstatement. Kernbestandteil des Statements war das explizite Ziel, bis 2030 Klimaneutralität zu erreichen. Doch wie steht es um dieses Ziel? Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren getan und ist das Ziel überhaupt erreichbar?

Klimaneutralität – Was die Universität machen will

Klimaneutralität ist in Göttingen nicht nur ein universitätsspezifisches Ziel. Auch die Stadt Göttingen hat einen eigenen Plan für Klimaneutralität bis 2030 – darin spielt die Universität aufgrund ihrer Position eine zentrale Rolle. Die Universität ist die größte Unternehmerin und Arbeitgeberin in Göttingen.

Was schreibt sich die Universität in ihrem Klimaschutzstatement also überhaupt vor? Die Universität will in vier Handlungsfeldern aktiv sein: Forschung, Studium und Lehre, Third Mission sowie Universitäts- und Klinikbetrieb.

Für jedes dieser vier verschiedenen Handlungsfelder ist eine eigene Strategie zur Erreichung des Ziels vorgesehen. Im Bereich der Forschung will die Universität besonders regionale Forschungsaktivitäten stärken, die Zusammenarbeit mit Partner*innen verbessern und interdisziplinäre Forschung vorantreiben. Dies soll auch durch die Einbeziehung von nachhaltigkeits- und klimaschutzrelevanten Inhalten in die Lehre passieren. Auch Abschlussarbeiten von Studierenden und Promovierenden sollen verstärkt für die Entwicklung von regionalen und universitätseigenen Klimaschutzmaßnahmen genutzt werden.

Unter Third Mission versteht die Universität im Kontext Klimaneutralität besonders die Vermittlung und Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dies bedeutet, dass Einrichtungen wie das Biodiversitätsmuseum oder das Forum Wissen in ihren Tätigkeiten klimaschutzrelevante Themen setzen. Auch hier spielen regionale und internationale Partner*innen wie Hochschulnetzwerke eine Rolle.

Die wahrscheinlich wichtigste Komponente beim Erreichen von Klimaneutralität bis 2030 ist der Universitäts- und Klinikbetrieb. Hierbei geht es besonders um die Umstellung auf regenerative Energien für Gebäude der Universität, aber auch um die effizientere Nutzung von Räumen der Universität und Ressourcen von Prozessen. Zentral hierbei ist das sogenannte „Green Office“, welches für Nachhaltigkeitskonzepte bei Mobilität und Klimaneutralität zuständig ist.

Klimaneutralität – Was die Universität machen muss

Die Umstellung der Energieversorgung ist der wohl wichtigste Bestandteil für das Ziel, die Universität Göttingen bis 2030 Klimaneutral zu machen. Doch wenn es um den Energieverbrauch der Universität geht, lassen sich bisher nur wenige Entwicklungen in Richtung Klimaneutralität feststellen.

Das aktuellste Dokument hierzu ist die Energiebilanz des Jahres 2022. Die Universität samt Uniklinik verbraucht jährlich etwa 119 GWh in Strom und 160 GWh in Wärmeenergie. Insgesamt hat die Universität – samt Uniklinik – Emissionen von etwa 87.000 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr.

Noch kommt die meiste Energie der Universität aus dem Heizkraftwerk (HKW) in der Rudolf-Diesel-Straße. Insgesamt 300 GWh pro Jahr in Erdgas und 0,35 GWh in Erdöl werden dort verbraucht, um Strom und Wärme für die Universität zu produzieren. Das Kraftwerk selbst deckt jedoch nur etwa die Hälfte des Strombedarfs der Universität ab.

Das bedeutet, dass das Heizkraftwerk nicht besonders effektiv ist. Es gehen allein durch Umwandlung und Netzverluste fast 100 GWh an Energie verloren. Das Kraftwerk soll laut Informationen des Göttinger Tageblatts auf Dauer außer Betrieb genommen werden, muss allerdings aktuell zur Sicherstellung der Energieversorgung der Uniklinik vorerst noch in Betrieb bleiben.

Die Energieversorgung wird zusätzlich durch Blockheizkraftwerke (BHKWs) gestemmt, die etwa 27 GWh Erdgas pro Jahr verbrauchen. Die universitätseigenen Photovoltaikanlagen erbringen gerade einmal 0,1 GWh Strom pro Jahr – das sind nicht einmal 0,1% des benötigten Stroms der Universität samt Uniklinik. Fehlender Strom wird – seit 2021 aus erneuerbaren Energien – zugekauft.

Was muss also passieren? Die Universität hatte im Feburar 2022 ein beratendes Ingenieursbüro damit beauftragt, eine Machbarkeitsstudie samt Vorschlägen für die Universität zu erarbeiten. Im November 2022 wurde dieser Plan der Universität vorgestellt. Für die Reduzierung des Stromverbrauchs aus fossilen Energieträgern ist im Kern der Ausbau von Photovoltaikanlagen am wichtigsten. Sonstiger Strom, der extern eingekauft werden muss, soll weiterhin grüner Strom sein, also aus erneuerbaren Energien stammen.

Für Wärmeenergie gibt es wesentlich mehr Vorschläge, da Wärme – im Gegensatz zu Strom – nicht über lange Strecken transportiert werden kann. Hier ist es besonders wichtig Wärmeverluste der Gebäude durch Dämmung, bessere Fenster und generelle Sanierungsarbeiten zu verringern. Dazu gehört auch die Erhöhung von Wärmerückgewinnung, dezentrale Warmwasser-Bereitung und den Einsatz von Wärmespeichern und Wärmepumpen.

Klimaneutralität – Was die Universität macht

Die Universität tut einiges, um Gebäude energieeffizienter zu machen und Strom aus erneuerbaren Energien einzusetzen. Seit 2021 ist sämtlicher extern eingekaufter Strom „grüner Strom“, also produziert aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig läuft ein Projekt mit dem Namen „Energieversorgung 2030“, um die Universität noch stärker in Richtung klimaneutraler Energien zu bewegen. Hier gibt es zahlreiche Ideen.

Ein Beispiel dafür ist die fünf-prozentige Beteiligung der Universität an der Biogasanlage in Rosdorf sowie eine universitätseigene Anlage in Relliehausen. Die dort produzierte Energie fällt jedoch kaum ins Gewicht.

Ein weitere Initiative ist der Ausbau von Photovoltaikanlagen der Universität. Durch die bessere Nutzung von Dachflächen könnten laut Universität zwischen 1,5% und 4% des universitären Strombedarfs gedeckt werden. Die Universität plant außerdem mit weiteren Partner*innen eine größere Freiflächenanlage, die bis zu 20% des universitären Strombedarfs decken könnte.

Zahlreiche andere Energien wie Geothermie sind derzeit oder auch in Zukunft nicht wirtschaftlich nutzbar. Sie stellen daher keine Möglichkeit für die Universität dar, Klimaneutralität bis 2030 zu erreichen.

In anderen Fällen wird die Universität kreativ. Die Abwärme des Rechenzentrums am Nordcampus wird beispielsweise zum Wärmen von Gewächshäusern der Agrarwissenschaft genutzt.

Doch einer der wichtigsten Faktoren sind die Sanierungsarbeiten, um Gebäude besonders wärmetechnisch effizienter zu machen. So konnte der Wärmeverbrauch des chemiewissenschaftlichen Praktikumsgebäudes am Nordcampus nach Universitätsangaben um 80% reduziert werden. Durch kontinuierliche Sanierungsarbeiten geht der Wärmebedarf der Universität seit 2005 um durchschnittlich 1,5% pro Jahr zurück.

Klimaneutralität – Woran es hakt

Doch dieser Rückgang wäre nicht genug. Laut der Machbarkeitsstudie für Klimaneutralität käme die Universität ohne Maßnahmen, also bei bloßer Kontinuität aktueller Entwicklungen, im Jahr 2030 auf etwa 71.000 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr. Auch mit einer bedarfsentsprechenden Ausweitung der bereits begonnenen Verwendung von Strom aus erneuerbaren Energien käme man noch immer auf 35.000 Tonnen, die nicht ausgeglichen würden.

Die Lösung? Eine Verachtfachung der Sanierungsgeschwindigkeit, um den Wärmebedarf der Universität schneller zu verringern. Das bedeutet, von den aktuellen 1,5% müsste man auf 12% Einsparungen kommen. So würde man tatsächlich eine Klimaneutralität bis 2030 erreichen. Eine solche Verachtfachung der Geschwindigkeit würde auch die Kosten für die Sanierungen erhöhen: von den heutigen 40 Millionen Euro auf knapp 320 Millionen Euro.

Dieser Schritt erscheint, nach Meinung der beratenden Ingenieur*innen der Universität, unwahrscheinlich. Es mangelt an finanziellen Ressourcen sowie an Planungs- und Umsetzungskapazitäten – sowohl intern als auch extern. Realistischer ist eine Verdoppelung der Sanierungsrate von 1,5% auf 3% pro Jahr. Auf diese Weise würden zwar immer noch 12.000 Tonnen CO2 emmitiert, die nicht ausgeglichen werden, das wären jedoch bereits 86,29% weniger als bisher.

Auf Anfrage von GöHört stellt sich heraus, dass die Sanierungsrate zwischen 2019 und 2022 etwa 2% pro Jahr (insgesamt etwa 8%) betrug. Hierbei sorgten die höheren Energiepreise und die Energiesparmaßnahmen wie das Absenken von Raumtemperaturen für gute Nachrichten. Der Energieverbrauch zwischen 2021 und 2022 ist aufgrund der Einsparungen um knapp 20% gesunken. Im Vergleich mit 2019 zeigt sich dies gerade in den Wintermonaten, in denen zwischen 22% und 25% weniger Energie verbraucht wurde.

Bei den Sanierungen gibt es allerdings auch Grenzen: Die für Klimaneutralität erforderliche „Zero-Carbon-Ready“-Sanierung ist nicht in allen Gebäuden der Universität möglich. Besonders bei den Altbauten der Innenstadt oder dem alten Campus des Uniklinikums, wo heute hauptsächlich die Philosophische Fakultät, die ZESS und die Kulturwissenschaften heimisch sind, sind viele Gebäude denkmalgeschützt. Bei diesen ist eine solche Sanierung schwierig bis nicht möglich.

Doch das sind nicht die einzigen Probleme, die der ‚Klimaplan 2030‘ der Universität hat. Neben den Sanierungshürden geht es auch mit dem Ausbau von Photovoltaikanlagen nur schleppend voran. Laut Katasterregister der Universität sind seit 2016 keine neuen Anlagen in Betrieb gegangen. Vom Bau einer größeren Photovoltaikanlage gibt es kaum öffentliche Informationen zur Planung. Die Universität schreibt auf Anfrage von GöHört, die Planung würde weiterhin laufen. Das Göttinger Tageblatt berichtete, ein Bebauungsplan sei beantragt.

Was Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Universität angeht, so plant die Universität diese auf neu sanierten oder im Bau befindlichen Gebäuden anzulegen. Am Nordcampus sollen besonders die neu sanierten Gebäude der Forstwissenschaft genutzt werden. Abseits davon sollen das im Bau befindliche HuCaB-Gebäude am Zentralcampus sowie das Blockheizkraftwerk am Burckhardtweg und die Sportwissenschaften eine Anlage bekommen.

Nicht alle Gebäude sind allerdings gleichermaßen für Photovoltaikanlagen geeignet. Besonders bei älteren Gebäuden sind die Dächer statisch nicht für die zusätzliche Last der Anlagen ausgelegt. Andere Dächer kommen wegen bereits vorhandener Technikaufbauten, Denkmalschutzauflagen, anstehender Sanierungsmaßnahmen oder ihrer Ausrichtung und Verschattung nicht in Frage.

Bis 2025 muss die Universität das Gebäudeelektromobilitätsinfrastrukturgesetz (GEIG) erfüllen und eine Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge anbieten. Insgesamt muss die Universität laut eigenen Angaben hierfür 300 bis 350 Ladepunkte aufbauen. Die Universität teilte auf Anfrage von GöHört mit, dass sie nicht wisse, wie viele Ladepunkte die Universität hat. Die Anzahl dieser Ladepunkte werde nicht zentral erfasst.

Auffällig ist, dass das für diese Angelegenheiten zuständige Büro im Präsidium, die Vizepräsidentschaft für Infrastruktur und Digitales, seit über einem halben Jahr unbesetzt ist. Der ehemalige Vizepräsident Norbert Lossau wurde in bizarrer Weise entlassen. Sein ehemaliges Amt wird jetzt in Vertretung von der Vizepräsidentin für Finanzen und Personal, Valérie Schüller, ausgeübt.

Klimaneutralität – Wie geht es weiter?

Es sieht nicht gut aus für die Klimaneutralität bis 2030: Die aktuelle Sanierungsrate reicht nicht für das angestrebte Ziel. Doch das liegt auch daran, dass die Universität noch zusätzliche Herausforderungen zu bewältigen hat. Die Universität schreibt auf Anfrage, dass die Umsetzung des Klimaplans zahlreiche Hürden hätte. Zu diesen Hürden gehörten „fehlende Finanzmittel, personelle Ressourcen sowie in- und externe Fachkräfte“. Um so effizient wie möglich mit den vorhandenen Mitteln umzugehen, sei das „primäre Ziel“, die „größten Emittenten zu verkleinern oder zu beseitigen, und das so schnell wie möglich“.

Auch der Ausbau von erneuerbaren Energien an der Universität stockt aktuell. Und wenngleich noch Zeit da ist, wird diese immer knapper. Hier spielen laut der Universität auch gesetzliche Vorgaben eine Rolle, welche die Umsetzung von bestimmten Veränderungen zusätzlich verlangsamen.

Es spielt jedoch nicht nur die Universität bei der Erreichung ihrer Klimaneutralität eine zentrale Rolle, sondern ebenso das Land Niedersachsen. Auch die Landesregierung muss das Ziel der ‚klimaneutralen Universität‘ teilen und entsprechende Mittel zur Verfügung stellen, damit eine Umsetzung realistisch bleibt. Ob dies passiert, ist eine Frage für die rot-grüne Regierung in Hannover. Ein erstes positives Zeichen ist die angekündigte Erhöhung des Energiebudgets vom Land Niedersachen sowie zusätzliche Fördermittel für energetische Sanierungen. Dass dies bereits reichen wird, um Klimaneutralität bis 2030 erreichen zu können, bleibt jedoch zumindest fraglich.

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