Eisenbahnromantik auf postsozialistischen Schienen 

Ein Reisebericht von Leon Lerman

Dü-Dü-Dü-Dü… Da-Da-Da… Der Gong schallt durch die Bahnhofshalle. Es ist ein Mittwochabend Mitte März und wir warten auf unseren Nachtzug, der uns für ungefähr 26 Euro pro Person von der rumänischen Hauptstadt Bukarest in die moldauische Hauptstadt Chișinău bringen soll. Als gute deutsche Reisegruppe sitzen wir, Andi, Damian und ich, überpünktlich seit zwei Stunden am Bukarester Nordbahnhof. Alle paar Minuten ertönt der immergleiche, ein bisschen zu lange und auf Dauer nervige Jingle der rumänischen Eisenbahn, der die nächste Zugeinfahrt ankündigt. Von diesem Jingle werden wir noch eine lange Zeit einen Ohrwurm haben. Unsere Augen blicken ab und zu nach oben auf die strahlend blau-weiße Anzeigetafel. Noch immer ist von unserem Zug nichts zu sehen.

Dü-Dü-Dü-Dü… Da-Da-Da…  Dann endlich ist es soweit. Gegen 19 Uhr kündigt unsere Bahndurchsage unseren Zug an. Wir nehmen unser Gepäck und laufen zum Bahnsteig. Am Gleis macht sich Verwirrung breit. Wir haben zwar ein Ticket mit Reservierung, aber wo genau sich unser Waggon eigentlich befinden wird, wissen wir noch nicht.

Währenddessen fährt der blau-gelbe Zug ein. Ganz vorne winkt ein Schaffner aus der Tür. Nachdem wir unseren Waggon gefunden haben, zeigen wir einem ausgestiegenen Mitarbeiter unser Ticket vor. Wir steigen ein und bei bester postsozialistischer Barrierefreiheit ist es nicht ganz einfach, unsere Koffer die Treppe zum Einstieg hochzuhieven. Im Zug selbst verfangen sich die Rollen meines Koffers im Teppich (und nicht Teppichboden!) der im Flur ausgelegt ist. Auf dem Weg zu unserem Abteil bekomme ich einen ersten Einblick in den Zug „Prietenia“ (auf Deutsch: „Freundschaft“). Ich schaue mich um, die Wände sind mit Holz verkleidet. Es ist noch ein bisschen wuselig, denn trotz der Reise mitten in der Woche ist zumindest der Nachtzug gut ausgebucht. Wir schaffen es zu unserem Abteil und erblicken unsere Gemächer für diese Nacht. Vier gepolsterte Liegen, jeweils zwei oben und unten. Unten gibt es einen kleinen Tisch. Das Fenster ist mit braungoldenen Vorhängen verziert, die von weitem ein bisschen wie Seide aussehen, von Nahem aber mehr dünnes Polyester sind. Auch hier sind die Wände mit Holz verkleidet. Die oberen Liegen sind mit kleinen Leitern zu erreichen. Tatsächlich ist die Ausstattung des Zuges deutscher Herkunft, denn der Zug soll noch zu sozialistischen Zeiten in der DDR hergestellt worden sein.

Ich habe mich ziemlich lange auf diese Reise gefreut, da ich vor einiger Zeit ein Reel auf Instagram über den „letzten sowjetischen Nachtzug“ gesehen habe. Als sich die Möglichkeit ergab, in die Republik Moldau zu fahren, war also sofort klar, dass ich diesen Zug nehmen muss. Das Abteil sieht genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe und versprüht die Art von Flair, auf die ich mich gefreut habe. Ich mache innerlich Luftsprünge.

Nachdem die erste Begeisterung abgeflaut ist, stellen wir uns die nächste drängende Frage: Wohin mit dem Gepäck? Das Abteil hat gerade so viel Platz, dass wir drei darin stehen können. Tatsächlich steckt der Raum indes voller Überraschungen: Klappt man die unteren Liegen hoch, findet man Ablagefächer und Stauraum für Gepäck. Auch gibt es unter dem Dach des Abteils ein weiteres großes Fach für Gepäck. So können auch unsere großen Koffer in den Fächern verschwinden. Nach ein bisschen Rangieren, bei dem wir abwechselnd auf dem Flur warten, ist unser Gepäck verstaut und der Zug bereit zur Abfahrt.

Unter einem gewissen Geruckel und kurz nach Sonnenuntergang setzt sich unser Zug dann in Bewegung. Währenddessen hat uns ein Zugbegleiter unsere Bettwäsche ausgeteilt, die wir auf den bereitgestellten Matratzen und Kissen ausbreiten. Statt einfarbiger Schlichtheit hat jedes Set ein Blumenmuster mit Sehenswürdigkeiten von europäischen Städten. Ich habe Paris erwischt und beziehe meine Matratze nun mit einem Eiffelturm, der mit pinken Rosen geschmückt ist. Nach kurzer Zeit kommt noch ein Ukrainer namens Viktor zu, der unser Abteil vervollständigt. Andi hat österreichischen Schnaps dabei. Er reicht uns allen die Flasche, die gerade noch so ein paar Schlucke übrig hat. Wir nehmen alle einen Schluck, Viktor lehnt dankend ab.

Die Liege ist nicht sonderlich groß oder breit, aber sie hat genug Platz, dass ich mich mit meinen 1,78 Metern bequem ausstrecken kann. und Irgendwann öffnet sich die Tür zu unserem Abteil. Ein Schaffner, der es sich offenbar schon gemütlich gemacht hat, denn er trägt keine Dienstkleidung und steht mit einem Paar blauer Badesandalen in unserem Abteil, verlangt nach unseren Tickets. Mit uns dreien spricht er Englisch. Viktor spricht er auf Russisch an. Wir zeigen ihm die Fahrkarten und mit einem wuchtigen Rumms schließt er wieder die Tür zum Abteil.

Etwas später entscheiden wir uns zum Speisewagen zu gehen. Ein etwas runderer Mann steht hinter der Theke und isst gerade wohl sein eigenes Abendessen, während er ein YouTube-Video schaut. Wir stellen uns an und er fragt uns, was wir möchten. Selbstverständlich auf Rumänisch. Glücklicherweise hat Andi nicht nur österreichische Spirituosen dabei, sondern spricht auch noch Rumänisch. Und dann hat er auch noch rumänisches Bargeld dabei, da der Wagen keine Karte akzeptiert. Wir bestellen ein Bier und stoßen an auf die gute Reise.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Man macht es sich gemütlich in seiner Pritsche und deckt sich zu. Leider ist es nicht so einfach zu schlafen. Einerseits sind da die rumänischen Gleise, deren Zustand ein gelegentliches Ruckeln und Rumpeln im Zug auslöst. Ohne Ohrstöpsel und Schlafmaske ist es schwierig, die Augen lange zuzumachen. Die Gleise sind auch der Grund dafür, warum die Reise insgesamt 13 Stunden dauert. Zum Vergleich: Eine Busfahrt zwischen den beiden Hauptstädten würde nur rund neun Stunden in Anspruch nehmen.

Andererseits ist es selbst mit einer Außentemperatur von ungefähr zehn Grad ziemlich warm in dem Abteil, in dem ganz originalgetreu keine Klimaanlage vorhanden ist. Die einzige Kühlungsmöglichkeit ist das Fenster. Ich bitte Damian, der die obere Liege erwischt hat, das Fenster zu öffnen. Mit den vorher erwähnten frischen Außentemperaturen wird es auch im Abteil schnell ganz schön frisch. Er schließt das Fenster wieder und unser Raum erhitzt sich erneut. Ich öffne das Fenster und wieder zieht ein kalter Wind durch das Abteil. Wir wägen unsere Möglichkeiten ab, entscheiden uns lieber für Schwitzen statt Frieren und Damian schließt das Fenster.

Nach einer Weile döse ich ein. Es ist etwa drei Uhr morgens, als der Badesandalen-Bahnmitarbeiter die Tür öffnet: Rumms. „Border control“ kündigt er an. Wir befinden uns gerade am Grenzort Ungheni. Es dauert nicht lange, bis der rumänische Grenzbeamte in unser Abteil tritt. Er schaut sich schnell unsere Pässe an und verlässt dann wieder das Abteil. Kurze Zeit später schaukeln und ruckeln wir weiter. Passend zu meinem Paris-Bettbezug passieren wir die Eiffel-Brücke, die von dem Eiffelturm-Konstrukteur Gustave Eiffel erdacht worden sein soll. Sie führt über den Grenzfluss Pruth, einem Nebenfluss der Donau. Der Zug hält – wieder in Ungheni – diesmal ist es aber das moldauische Pendant. Ein moldauische Grenzbeamtin kommt in unser Abteil und fragt nach unseren Pässen und unserem Grund für die Einreise. Trotz des Schlafmangels hole ich souverän mein bestes Englisch für diese Konversation raus: „Uh… Students… Äh… Tourists…“ Die Grenzbeamtin schaut mich prüfend an und verschwindet dann mit unseren Pässen, bevor wir sie mit einem schwarzen Einreisestempel wiederbekommen.

Ich will gerade wieder schlafen, als ich merke, wie der Waggon krächzt und quietscht. Ein Scheinwerfer beleuchtet unseren Zug, als wir plötzlich angehoben werden. Draußen hebt ein Kran den Wagenkasten hoch, während unter uns die Drehgestelle ausgetauscht werden. Anders als in Deutschland, Rumänien und vielen anderen europäischen Ländern wird bei den Gleisen in der Republik Moldau statt der „Normalspur“ die sogenannte „russische Breitspur“ genutzt. Diese ist, wie ihr Name schon verrät, breiter und deshalb müssen die Räder des Zuges dafür angepasst werden. Der Waggon krächzt erneut, als wir sanft auf unser neues Drehgestell herabgelassen werden. Ich schlafe wieder ein und der Rest der Fahrt geht wieder leicht ruckelnd, aber ruhig vorbei.

Rumms. Es ist kurz vor 8 Uhr morgens, als der Bahnmitarbeiter wieder die Tür aufreißt. Wir sind gleich da, nach fast 13 Stunden Fahrt und 600 Kilometern Strecke. Aus dem Fenster sehe ich moldauische Felder und Häuser in der Landschaft. Manche von den Häusern sind ein bisschen verfallen, die Schienen von Gras überwuchert. Wirklich viel geschlafen habe ich nicht. Das ist auch nicht so schlimm, denn bei so einem Zug war es mir das wert.

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