Exzellenzuniversität – Immer noch ein sinnvolles Ziel?

Ein Kommentar von Sebastian Brosowski

Die Universität Göttingen nimmt einen neuen Anlauf, Exzellenzuniversität zu werden. Dies ist dem Präsidium der Universität so wichtig, dass die ehemalige Präsidentin Ulrike Beisiegel das Amt vorzeitig verlassen musste, nachdem sie 2019 an diesem Ziel scheiterte. Doch ist es das wert? Ist das „Versagen“ bei der Exzellenzstrategie des Bundes ein Grund, gleich zu gehen? Oder führen hier prestigeträchtige Titel vielleicht sogar zu Nachteilen für die Studierenden?

Sehen wir uns zunächst einmal an, welche Auswirkungen die Exzellenzstrategie für Studierende hat. Denn für diese passiert besonders wenig. 2012 fand das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) heraus, dass es kaum Auswirkungen auf die Lehre gäbe. In einzelnen Fächern kam es zu Verbesserungen, in einzelnen Fächern schlossen die Exzellenzuniversitäten allerdings sogar schlechter ab.

Der Grund ist ganz einfach: Die Exzellenzstrategie fördert die Forschung an Universitäten – und nicht die Lehre. Die einzigen Auswirkungen, die Studierende also tatsächlich spüren würden, sind die auf das Prestige ihres Hochschulabschlusses.

Wenn die Exzellenzstrategie nichts zur Lehre beiträgt: Was macht eine exzellente Universität eigentlich aus?

Wie hat sich dieses Prestige verändert? Eine Analyse des Bayerischen Rundfunks hat gezeigt: Universitäten, die Teil der Exzellenzstrategie geworden sind, konnten ihren Ruf verbessern. Das Times Higher Education Ranking zeigt, wie beispielsweise die Universität München zulegen konnte, von Platz 60 im Jahr 2011 auf Platz 30 im Jahr 2023. Problematisch ist unterdessen das Betreuungsverhältnis – wie bei allen Unis in Deutschland. Es gibt schlicht zu viele Studierende pro Lehrperson.

Doch wenn die Exzellenzstrategie nichts zur Lehre beiträgt, stellt sich die Frage: Was macht eine exzellente Universität im Sinne der Strategie eigentlich aus? Dazu müssen wir uns zunächst anschauen, wie die Fördergelder der Exzellenzstrategie vergeben werden.

Universitäten werden dazu aufgefordert, sogenannte Exzellenzcluster zur Förderung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzureichen. Diese Cluster sollen interdisziplinär und interinstitutionell sein und jeweils ein Forschungsvorhaben beziehungsweise einen Projektbereich abdecken.

Hat eine Universität zwei Exzellenzcluster, so kann sie sich beim Deutschen Wissenschaftsrat für den Status als Exzellenzuniversität bewerben. Mit diesem Status gibt es zusätzliche Fördergelder für den Ausbau der Forschung auf Basis der Exzellenzcluster.

Die Interdisziplinarität von Clustern soll dafür sorgen, dass nicht nur Nischenbereiche der Forschung gefördert werden. Stattdessen sollen Universitäten Spezialisierungen aufbauen – diese jedoch weit genug fassen, um interdisziplinar zu arbeiten und zu forschen, im Rahmen des Exzellenzclusters. Dies ist eine gute Idee, vor allem, um die Benachteiligung einzelner Forschungsfelder in der Verteilung von Geldern auszuschließen.

Musik und Künste kennt die Kategorisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nicht einmal

Aus den Sozialwissenschaften kam bei der ersten Förderrunde der Exzellenzinitiative (wie sie damals noch hieß) im Jahr 2005 der Vorwurf, Soziologie, Ethnologie und Co. gingen leer aus. Die damals noch geförderten Graduiertenschulen waren hauptsächlich in den naturwissenschaftlichen und medizinischen Fachbereichen. 2012 änderte sich dies und die Sozialwissenschaften schafften es auf den zweiten Platz der verteilten Fördergelder, noch vor den Naturwissenschaften. Ein Trend, der ähnlich, wenn auch nicht gleichgeblieben ist.

Schaut man sich die heutigen Exzellenzcluster an, sind die Sozialwissenschaften etwas zurückgefallen. 13 Projekte der 57 geförderten Exzellenzcluster fallen in den Bereich der Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Sämtliche Naturwissenschaften (mit Ausnahme der Mathematik mit neun) kommen in ihren Einzeldisziplinen auf 14 bis 19 Exzellenzcluster. Die Medizin kommt auf 19 Exzellenzcluster.

Exzellenzuniversitäten sind also nach Definition der Strategie Universitäten mit besonders förderungswürdigen Forschungsprojekten. Dies wird zu einer Spezialisierung von Universitäten auf bestimmte Forschungsbereiche führen. Diese liegen, wenn man auf die aktuelle Förderung schaut, hauptsächlich in den Naturwissenschaften sowie der Medizin – und eher selten in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Musik und Künste kennt die Kategorisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nicht einmal.

Der Abstand zwischen Spitzenforschung und dem normalen Forschungsbetrieb an Universitäten wächst

Um wie viel Geld geht es eigentlich? Insgesamt 385 Millionen Euro sind jährlich für die Exzellenzcluster vorgesehen, mit einem Rahmen von drei bis zehn Millionen Euro pro Projekt. Die Institutionen, die den Status Exzellenzuniversitäten erringen konnten, erhielten noch 12,89 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich.

In einer Wissenschaftswelt, in der es ständig um die Jagd nach Geldern und Finanzierung von Forschungsvorhaben geht, ist dies ein wichtiger Anreiz. Dies verstärkt noch einmal die Notwendigkeit, Schwerpunkte zu setzen und andere Bereiche zu benachteiligen.

Schwerpunkte, mit denen man gegen andere Universitäten in einem Wettbewerb antritt. Dieser kann Ungleichheiten zwischen Universitäten und Fachbereichen an einzelnen Universitäten verstärken. Der Abstand zwischen Spitzenforschung und dem normalen Forschungsbetrieb an Universitäten wächst, nicht nur durch Qualitätsunterschiede, sondern auch aufgrund der Schwerpunktsetzungen in den Clustern.

Auch für Nachwuchswissenschaftler*innen hat sich die Situation aufgrund von strukturellen und finanziellen Schwerpunkten der Universitäten verschärft. Das alles für den recht temporären Status der Exzellenz, der schnell durch die negativen Wirkungen auf den Status der Lehre an der Universität zunichte gemacht werden kann.

Lehre, Forschung, internationales Engagement – die Exzellenzstrategie fördert bloß einen dieser Bereiche

Haben denn wenigstens alle Universitäten die gleiche Chance, in der Exzellenzstrategie anzutreten? Wenn man das Bundesministerium für Bildung und Forschung fragt, dann ja. Doch das ist nicht überzeugend.

Denn nicht jede Universität ist in den Bereichen Lehre, Forschung oder in internationalem oder regionalem Engagement gleich gut aufgestellt. Die Universitäten richten sich nicht nur in den einzelnen wissenschaftlichen Fachgebieten, sondern auch in diesen Bereichen entsprechend ihrer finanziellen Lage und ihres Umfeldes aus.

Die Exzellenzstrategie fördert aber bloß einen dieser Bereiche. Liegt eine Universität in der Forschung nur leicht zurück oder hat sich auf selten geförderte Bereiche spezialisiert, so hat sie eine geringere Erfolgschance bei der Exzellenzstrategie.

Die gleiche Bedienung verschiedener Bereiche erfordert enorme finanzielle Unterstützung und eine gewisse Größe, wie sie nur die größten Universitäten erbringen können. Es ist bezeichnend, dass die kleinste Exzellenzuniversität die Universität Konstanz ist, mit 10.974 Studierenden und einem Jahresetat von 217,9 Millionen Euro.

Doch ist die Exzellenzstrategie zumindest gut darin, Spitzenpersonal für deutsche Universitäten zu rekrutieren? Das ist eine interessante Frage. Noch interessanter ist, wie man sie messbar macht. Doch wie erfolgreich die Exzellenzstrategie tatsächlich ist, werden wir erst mit der Evaluationsphase 2025 herausfinden.

Ständen wieder Studiengänge vor dem Aus, nur um das Wort „Exzellenz“ wieder vor dem Namen der Universität stehen zu haben?

Die Universität Göttingen war mal eine Exzellenzuniversität. Doch hatte dieser Status die Vorteile, die der Status versprechen soll? Hatte Göttingen als Forschungsstandort vor 16 Jahren ein höheres Prestige als heute? War Göttingen vor 16 Jahren ein besserer Lehrstandort als heute?

Hatte die damalige Schwerpunktsetzung etwas gebracht? Und was würde eine ähnliche Schwerpunktsetzung heute für andere Fachbereiche bedeuten?

Die Universität hat bereits finanzielle Probleme, immer wieder wird die Schließung von bestimmten Studiengängen diskutiert: 2021 die Schließung der Skandinavistik, 2022 die Schließung der Geschlechterforschung. Ständen wieder Studiengänge vor dem Aus, nur um das Wort „Exzellenz“ wieder vor dem Namen der Universität stehen zu haben?

Ich verstehe die Anreize der Gelder, die hinter dem Programm stehen. Doch den Status zu verfolgen, kommt mit einer Menge versteckter Kosten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bereit wäre, diese Kosten zu tragen – seien sie in Form von weniger Studiengängen, abnehmender Lehrqualität, eingeschränkterer Forschung und weniger Stellen für Nachwuchswissenschaftler*innen. Doch Präsident Tolan, wie auch seine Vorgänger*innen Beisiegel und Jahn, will diesen Weg offenbar gehen.

Hinterlasse einen Kommentar

close-alt close collapse comment ellipsis expand gallery heart lock menu next pinned previous reply search share star