Von Alpaka bis Qualle – Tierversuche in Göttingen

Von Rodi Mavi · Fotos: Rodi Mavi · 26. Februar 2026

Die Frage, wie viele Tierversuche mit welchen Tierarten in Göttingen durchgeführt werden, beschäftigt mich schon lange. Auch will ich mich erkundigen, ob diese Tierversuche wissenschaftlich notwendig und ethisch vertretbar sind. Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, frage ich beim Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften, dem Deutschen Primatenzentrum und der Universitätsmedizin in Göttingen nach einem Interview. Bei den ersten beiden Forschungseinrichtungen bekomme ich Zusagen und neben den Interviews auch die Möglichkeit, an Rundgängen zu den Bereichen mit Labortieren teilzunehmen. Für eine Einordnung aus tierversuchskritischer Perspektive setze ich mich in Kontakt mit den beiden Organisationen Bund gegen Missbrauch der Tiere und Ärzte gegen Tierversuche.

Die Reise beginnt für mich beim Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften. Dort werde ich von Carmen Rotte, der Pressesprecherin des Instituts, sowie Ulrike Teichmann, der Leiterin der Tierhaltung am Faßberg-Campus und der Tierschutzbeauftragten Sarah Kimmina begrüßt.

Als erstes erfahre ich, dass es eine Vielzahl an Tierarten in den Laboren der Forschungseinrichtung gibt. Zu den am meisten vertretenen Tieren gehören Mäuse, von denen es 18 600 im Institut gibt, dazu kommen etwa 150 Ratten, 23 Alpakas, 13 Kaninchen und einige Meerschweinchen. Auch an Tieren, welche im Wasser leben, wird geforscht, so leben um die 220 Afrikanische Krallenfrösche, etwa 40 Seesterne und eine Vielzahl an Quallen in der Einrichtung. Selbst Mücken und 50 verschiedene Plattwürmer-Arten kann man im Institut finden.

Die erste Station sind die im Wasser lebenden Tiere, dort gehen wir zu den Afrikanischen Krallenfröschen. Die Froschart ist durch ihre besonders großen Eizellen, die etwa ein Millimeter groß sind, bekannt. Diese Eizellen sind für die Zellforschung besonders interessant, weshalb es am Institut seit 2006 die Froschhaltung gibt. Auf Nachfrage, warum die Frösche ohne natürlichere Umgebung mit beispielsweise Pflanzen gehalten werden, wird geantwortet, dass diese den Hygienstatus der Aquarien und damit den Tierbestand gefährden würde und der Aufbau der Aquarien genügend Versteckmöglichkeiten für die Frösche bieten würden.

Die Afrikanischen Krallenfrösche werden im Aquarium gehalten.

Seit 2018 und 2019 werden auch Seesterne und Quallen in den Laboren der Forschungseinrichtung gehalten, auch bei ihnen wird an den Eizellen geforscht. Die Quallen werden wie die Frösche in den Laboren gezüchtet, also sehen wir auch die Quallen im festsitzenden Stadium, die sogenannten Polypen, die nur als kleine Punkte auf eine Art Netz sichtbar sind. Bei den Seesternen handelt es sich um Wildfänge aus dem Pazifik vor der Küste Kaliforniens. Während die Seesterne punktiert werden, also ihnen die Eierstöcke für weitere Forschung entnommen werden, werden die Quallen für die Tierversuche getötet.

Als nächstes laufen wir raus aus dem Gebäude zu der Weide und dem Alpaka-Stall. Alpakas stammen ursprünglich aus Südamerika, doch die Tiere im Max-Planck-Institut kamen ab 2013 von zwei Zuchtbetrieben in Niedersachsen, in denen sie geboren wurden, nach Göttingen. Die Herde besteht aus 22 weiblichen Alpakas und einem Männchen, dass vor zehn Jahren durch ein zufällig trächtig nach Göttingen gekommenes Tier vor Ort geboren wurde. Bei den Alpakas wird an den Antikörpern geforscht, sie werden in regelmäßigen Abständen mit Antigenen geimpft und ihnen wird Blut abgenommen, um die Antikörper zu gewinnen. So werden im Labor sogenannte Nanobodies hergestellt, zum Beispiel aus Antikörpern gegen Herpes und dem Coronavirus. Während sich das Coronavirus schnell wieder mutiert hat, könnten aus den Herpes-Nanobodies in der Zukunft möglicherweise Medikamente hergestellt werden. Alpakas sind neben den Fröschen und Seesternen die einzigen Tierarten, die im Max-Planck-Institut für die Tierversuche nicht getötet werden.

Die Alpakas leben im Stall und bekommen auch Auslauf auf der Weide

Am Ende des Rundgangs gehen wir wieder rein und setzen uns für das restliche Interview hin. Dort erzählt die Tierärztin und Leiterin der Tierhaltung Ulrike Techmann, dass an den Mäusen vor allem in den Neurowissenschaften oder an der Eizellentwicklung geforscht wird. Es werden auch gentechnisch veränderte Mäuse und Ratten gezüchtet, die dadurch Beeinträchtigungen wie beispielsweise Schwerhörigkeit haben können. Bei den Ratten wird beispielsweise an Herzmuskeln oder Stoffwechselerkrankungen geforscht. Auch bei den Kaninchen wird an den Herzmuskeln und bei den Meerschweinchen im Bereich der Neurowissenschaften geforscht.

Ansonsten wird noch an Plattwürmern experimentiert, bei der die Zellregeneration untersucht wird, beispielsweise wird an den Gründen geforscht, warum bestimmte Arten regenerieren können und andere nicht. Manche Plattwurmarten können in 100 Teile zerteilt werden und aus jedem entsteht ein komplett neuer Wurm und bei anderen Arten geht das nicht. Bei den Mücken werden die Mückenlarven für molekularbiologische Prozesse, zum Beispiel die Produktion von Proteinen, untersucht.

Zu alternativen Forschungsmethoden von Tierversuchen wie Organoiden, also der Züchtung von kleinen Organen aus Stammzellen, werde ich in Kenntnis gesetzt, dass es diese Forschung auch am Max-Planck-Institut gibt. Die Tierärztin und Tierschutzbeauftragte Sarah Kimmina erklärt, dass der Tierversuch immer die letzte Stufe ist. Vor Tierversuchen wird an Zellkulturen oder mit anderen Methoden geforscht, um herauszufinden, ob die Fragestellung es wert ist, weiter verfolgt zu werden. Bei der Herstellung von Organoiden merkt sie an, dass für die Entnahme der Stammzellen häufig auch Tiere getötet werden müssen und sich die Anzahl der getöteten Versuchstiere damit nur verringert aber nicht wegfällt.

Bei der Vermeidung des Leids von Tieren erläutert sie, dass bei Wirbeltieren auf Betäubung geachtet wird, es Konzepte mit Maßnahmen zur Schmerzbehandlung gibt und jeder Tierversuch an einem Wirbeltier beantragt und behördlich genehmigt werden muss. Bei wirbellosen Tieren wird jedoch keine Narkose eingesetzt, weil nicht klar sei, wie sie auf Schmerzmittel für Wirbeltiere reagieren würden.

Bei dem Fall, dass zwischen 2018 und 2023 von einer Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut wiederholt Tierversuche an Mäusen ohne behördliche Genehmigung erfolgten, bestätigt die Biologin und Pressesprecherin Carmen Rotte, dass der besagten Wissenschaftlerin nach Bestätigung der illegalen Tierversuche fristlos gekündigt wurde und es nach einer Klage von ihr gegen diese Kündigung letzlich zu einer außergerichtlichen Einigung kam. Die Forschungen, bei denen die Reaktion von Mäusen auf verringerten Sauerstoffgehalt in der Luft untersucht wurde, wurden eingestellt.

Nachdem ich mich nach dem Ende des Interviews von den drei Frauen verabschiedet habe, geht es für mich nach einer kurzen Pause weiter zum Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung. Dort kann ich zusammen mit Schülerinnen und Schülern eines Oberstufen-Jahrgangs und ihren Lehrkräften einen Rundgang durch das Primatenzentrum machen.

Am Anfang hören wir einen Vortrag von Katharina Diederich, Volontärin in der Stabsstelle Kommunikation im Primatenzentrum. Bei ihr erfahren wir welche Affenarten es im Forschungsstandort gibt, es leben etwa 600 Rhesusaffen, 80 Mantelpaviane, 50 Javaneraffen und ungefähr 400 Weißbüschelaffen im Standort in Göttingen. Hinsichtlich der Tierversuche wird erwähnt, dass es bei Primaten strengere Vorschriften gibt als bei anderen Tieren und dass es beim Primatenzentrum keine Menschenaffen gibt, bei denen in der EU seit 2010 keine Tierversuche mehr erlaubt sind.

Danach teilen sich die Schülerinnen und Schüler für den Rundgang in zwei Gruppen auf, ich schließe mich der Gruppe mit der Biologin Stefanie Heiduck an, die schon seit vielen Jahren im Primatenzentrum arbeitet. Auf dem Weg zu den Außenanlagen erzählt sie, dass es bei der Kälte und dem Schnee sein kann, dass sich die Affen lieber drinnen aufhalten als in den Außenanlagen. Doch angekommen bei den großen Außenanlagen der Rhesusaffen stellen wir fest, dass viele trotzdem rausgekommen sind und sich auf den klettergerüstähnlichen Bauten des Geheges fortbewegen. Stefanie Heiduck erzählt uns einiges über die Haltung und das Sozialverhalten der Rhesusaffen und beantwortet Fragen aus der Gruppe, während einige der Affen uns beobachten und am Zaun entlang klettern.

Rhesusaffen-Familienverband in großem Außengehege

Weiter geht es zu den Außengehegen der Javaner Affen, die wegen der Kälte aber nicht rausgekommen sind und zu den kleineren Gehegen mit Mantelpavianen und Rhesusaffen. Uns wird erklärt, dass wegen des Sozialverhaltens bei den Mantelpavianen und Rhesusaffen, bei der ein oder seltener zwei erwachsene Männchen mit vielen Weibchen und gemeinsamen Jungen in einer Gruppe leben, andere erwachsene Männchen in freier Wildbahn von der Gruppe vertrieben werden. Deswegen werden ausgewachsene männliche Affen in die kleineren Gehege gebracht, wo sie unter anderem später für Tierversuche genutzt werden, oder zu anderen öffentlich finanzierten Forschungsstationen oder akademischen Einrichtungen gebracht werden.

Nachfolgend geht es zu der großen Außenanlage der Mantelpaviane, in der ein größerer Familienverband lebt. Und als letzte Station des Rundgangs gehen wir wieder rein, um die kleinsten Affen des Primatenzentrums zu begutachten, die Weißbüschelaffen, für die es nur Innengehege gibt, da diese Art besonders warme Temperaturen wie aus angestammten Gebieten in Südamerika benötigt. Auch da wird uns ein Einblick in die Lebensweise und die Haltung der Primaten gegeben. Am Ende des Rundgangs treffen wir auf die andere Gruppe und es gibt nochmal die Möglichkeit Nachfragen zu stellen, bevor sich die Oberstufen-Gruppe aus dem Primatenzentrum verabschiedet.

Mantelpavian-Familienverband in großem Außengehege

Anschließend setze ich mich mit Stefanie Heiduck für das restliche Interview hin und frage, für welche Forschungsbereiche Tierversuche im Deutschen Primatenzentrum gemacht werden. Sie antwortet, dass zum einen in den Neurowissenschaften geforscht wird, wo zum Beispiel die Affen für eine Belohnung wie Saft auf Lichtimpulse auf einem Bildschirm tippen, um höhere Funktionen im Gehirn wie das Gedächtnis zu erforschen. Aber auch an dem Herz-Kreislauf-System der Affen wird geforscht, sowie im Bereich der Infektionsforschung. Bei diesen Versuchen werden die Primaten nach der Infektion meistens eingeschläfert, um ihre Organe zu untersuchen.

Außerdem erfahre ich, dass die hier lebenden Primaten Nachfahren von aus Forschungsstationen aus anderen Ländern gekommenen Tieren sind und für Tierversuche nur Primaten die in dritter Generation in Gefangenschaft leben, genutzt werden dürfen. Ebenfalls interessant finde ich, dass im Primatenzentrum auch an Mäusen und anderen Nagetieren Tierversuche gemacht werden.

Zuletzt wird mir erzählt, dass auch an alternativen Forschungsmethoden wie Organoiden am Deutschen Primatenzentrum geforscht wird. In der Forschung würde es darum gehen die passenden Methoden zum Beantworten einer Forschungsfrage zu finden. Das sei meist ein Mix aus tierversuchsfreien Methoden und Tierversuchen. Tierversuche wären nach jetzigem Stand besonders bei der Infektionsforschung unverzichtbar, erklärt Stefanie Heiduck. Außerdem wird darauf geachtet, dass Tiere im Institut nicht ohne Grund getötet werden und Schmerzbetäubung erhalten. Auch hier werde ich am Ende des Interviews verabschiedet und es geht für mich nach Hause.

Eine Woche später führe ich ein telefonisches Interview mit einer Wissenschaftlerin, die sich gegen Tierversuche einsetzt. Silke Strittmatter ist Biologin, lebt in Freiburg, und ist seit Abschluss ihres Studiums im Tierschutz aktiv. Derzeit ist sie für den Bund gegen Missbrauch der Tiere Mitglied des Kuratoriums der Stiftung set zur Förderung der Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zur Einschränkung von Tierversuchen und arbeitet bei den Ärzten gegen Tierversuche. Während die Ärzte gegen Tierversuche sich auf den Themenbereich Tierversuche fokussieren, setzt sich der Bund gegen Missbrauch der Tiere neben der Forderung Tierversuche abzuschaffen auch für tiergerechte Haltung von Nutztieren und Auslandstierschutz ein, auch Tierheime werden von der Organisation geführt.

Auf meine Frage, ob bestimmte Tierversuche nicht biologisch oder medizinisch notwendig seien, entgegnet sie, dass ein Großteil der Forschung mit Tierversuchen Grundlagenforschung sind und dass auch die Versagensquoten der Forschungen hoch seien. Beispielsweise können bei Medikamenten, die bei Tieren gut funktioniert haben, bei Menschen andere Wirkungen auftreten. Historisch gesehen hätten Tierversuche auch zu falschen Schlüssen führen können, wenn diese Anwendung gefunden hätten. So reagieren Versuchstiere anders auf Medikamente wie Penicillin oder Aspirin, dass diese nach Tierversuchen bei Menschen vielleicht nie zugelassen worden wären.

Trotzdem ist es jedoch der Fall, dass etwa 99% der Tierversuche in Deutschland genehmigt werden, unabhängig davon wie relevant die Forschung tatsächlich ist, erklärt sie. Die Forschungseinrichtungen, die vorwiegend auf Tierversuche setzen, würden an einem veralteten System festhalten, das sich selbst erhält. Dabei würden dieselben Forschungsgelder in alternativen Forschungsmethoden auch einen größeren Mehrwert für die Forschung bieten.

Silke Strittmatter geht weiter auf die ethischen Argumente gegen Tierversuche ein. Tieren wird in den meisten Fällen Leid zugefügt und sie werden getötet und das vielerorts mit denselben Forschungsabläufen seit Jahrzehnten. Speziell bezogen auf die Tierversuche in Göttingen erläutert sie, dass das Deutsche Primatenzentrum auch als Zucht- und Lieferzentrum für andere Forschungsstationen gilt. In der Hirnforschung würden die Primaten durch Flüssigkeitsentzug zu der Kooperation bei den neurologischen Tests gezwungen werden.

Auf Nachfrage wie sie Tierversuche ohne Tötungen wie bei den Alpakas bei dem Max-Planck-Institut in Göttingen bewerten würde, antwortet sie, dass es auch bei diesen Forschungen zu Nebenwirkungen durch die Impfungen kommen kann und humanrelevante Forschungsmethoden hier ebenfalls sinnvoller wären.

Bei den alternativen Forschungsmethoden kann nicht nur an Organoiden aus tierischen Stammzellen geforscht werden, wie bei den beiden Instituten in Göttingen, sondern es können auch aus menschlichen Stammzellen sogenannte Organ-on-a-Chips hergestellt werden. Dazu können Organzellen bei ohnehin notwendigen Operationen oder Stammzellen auf schmerzfreien Wegen von Menschen entnommen werden. Bei sogenannten Multiorganchips mit mehreren kleinen Organnachbildungen können sogar Stoffwechselprozesse von Menschen nachgebildet werden, was viel effizienter für die Forschung ist als Tierversuche, führt Silke Strittmatter weiter aus.

Als letztes frage ich, wie eine Zukunft ohne Tierversuche aussehen könnte. Silke Strittmatter antwortet, dass sowohl für eine innovative Forschung als auch für einen ethischen Umgang Tieren und Menschen gegenüber, ein Verzicht von allen Tierversuchen nötig ist. Bei Tieren, die nicht mehr ausgewildert werden können, könnten die Labore verpflichtet werden für den Unterhalt der Tiere aufzukommen. Für Forschungsbereiche an Tieren, wie beispielsweise der Verhaltensforschung, wäre es ebenfalls aufschlussreicher Tiere in freier Wildbahn zu beobachten.

Zum Schluss bemerke ich, dass sich die Frage, ob Tierversuche auch heute noch unverzichtbar für die Forschung sind, schwierig beantworten lässt. Auf der einen Seite gibt es Vorteile für einige Forschungsbereiche für Experimente an Tieren, gleichzeitig könnte in vielen Forschungsfeldern mehr auf alternative Forschungsmethoden gesetzt werden. Dass Tierversuche aus ethischen Gründen in Zukunft zumindest ohne Leid und ohne Töten von Tieren stattfinden sollten, wird auch von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als erstrebenswert angesehen, doch besonders die Meinungen zu wissenschaftlicher Relevanz von Tierversuchen gehen auseinander. Ob und wie sich die Forschung an Versuchstieren in Zukunft ändern wird, wird damit wohl weiterhin eine wichtige Debatte in unserer Gesellschaft bleiben.

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